Habe heute den größten essbaren Gummifrosch gefunden, den ich bisher gesehen habe. Er lag in so einem Selbstbedienungssüßigkeitenbehälter verknäult mit anderen großen Artgenossen. Beinahe wäre diese Entdeckung das Highlight des Tages gewesen, wäre ich nicht ein paar Minuten später Zeuge eines belustigenden Gesprächs geworden. Ein großer, breiter Ruhrpott-Mann wie man ihn sich vorstellt, mit BVB Schal und Mütze unmodischer Jacke, verwachsenem Vokuhila und Turnschuhen steht vor einer Auswahl im Stoffgeschäft. Verkäuferin: "kann ich ihnen helfen?" Er: "haben sie noch etwas von dem weißen Stoff, mit so einer Verzierung unten?" Sie: "Mit einer Borte?" Darauf lässt er sich erklären was eine Borte ist und es stellt sich heraus, dass das Muster wohl direkt in den Stoff gestickt war – also keine Borte. Sie führt ihn zu einer Auswahl von weißen Stoffballen, mit verschiedenen Stickereien und lässt ihn alleine um das richtige Muster auszuwählen. Ein paar Tastendrücke später hat er "Schatz" am Telefon, und beschreibt ihr die verschiedenen Designs "Also in 5 cm Abstand sind so Blumen nebeneinander und darunter Kringel......nein,...keine Blumen.....ok,....mmmh... dann ist hier noch ein Muster, das sind Kreise, Kringel, und Stacheldraht..."
Was ich in einem Stoffgeschäft zu suchen habe?
Das ist eine Geschichte die mit Vorhängen zu tun hat, und damit dass ich seit Mittwoch krank zuhause liege, und es mit der Zeit doch nervt, sich den ganzen Tag beim umherliegen von den umliegenden Bewohnern zuschauen zu lassen. Das Projekt, blickdichter Fensterbehang, ist aber auch in der zweiten Runde gescheitert. Bin wohl kein Vorhang-Mensch, sollte vielleicht besser mit Jalousien arbeiten.
wie aus Laich Kaulquappen und daraus Frösche werden hat jeder schon einmal gehört. Doch wir gehen heute eine Stufe weiter, und zeigen was anschließend geschieht. Die bisher unbeobachtet gebliebene Metamorphose 2, des Frosches zum Mann. Kussfrei. Der Versuchsaufbau steht, die Messgeräte sind angeschlossen, das Aufzeichnungsgerät geladen, der Frosch sitzt im Glas. Wir geben kaltes Wasser dazu und die Verwandlung beginnt.
Geplant war, aus identischer Position, alle 30 Sekunden ein Bild zu machen, doch der Vorgang lief langsamer ab, als erwartet. Selbst eine Zeitspanne von 5 min reichte nicht für sichtbare Änderungen. Nachdem wir eine halbe Stunde vor dem Versuch saßen, und der Frosch sich langsam löste, gingen wir wieder dem Tagesgeschäft nach, und photographierten wenn wir gerade in der Nähe waren. Eine 3/4 h nach Versuchsbeginn, begann der Frosch zu fragmentieren und die Statur eines ca. 4 cm hohen Jünglings konnte in der grünen Brühe erahnt werden. Wasserwechsel nach abschütten der mit Froschteilen durchsetzten Flüssigkeit erwies sich die Theorie die den fallenden Wasserspiegel während der ersten Stunde erklären sollte als nichtig.
Das Gefäß hat einen Sprung auf der Unterseite. Somit begründet sich auch die Pfütze auf dem Schreibtisch. Da der Aufbau kalibriert ist, kann jetzt kein Wasser auffangendes Tablett mehr eingebaut werden. Mit frischem kaltem Wasser soll der Prinz nun wachsen. 13:50 der Schöne wächst - allerdings in die Breite. Die Nase wird dick, die Backen wirken aufgeblasen. Sind das an den Armen Muskelpakete? 18:43 langsam sieht der junge Mann ungesund aus. Ein Morbus Scheuermann hat sich entwickelt. Das ist das letzte Bild für Heute. Hab noch was anderes vor, als den ganzen Tag neben einem nässenden Gefäß zu verbringen, und zu zusehen, wie sich darin jemand fehlbildet. Freitag - ein neuer Tag
Über Nacht ist kontinuierlich Wasser aus dem Zylinder gelaufen, außerdem gab es scheinbar einen Wachstumsschub, bedingt durch den gesunkenen Mediumsspiegel hat sich das ungünstig auf die Statur ausgewirkt. Ich befürchte skoliotische Wirbelsäulendeformitäten und hebe den Pegel wieder auf ein höheres Niveau. Da nun große Bereiche des Schreibtischs unter Wasser stehen, werden die konstanten Bedingungen aufgegeben, und der Prinz samt Gefäß muss ab jetzt in einem Suppenteller stehen. Der Spaß am Experiment lässt nach. Hoffentlich ist der Kerl bald ausgewachsen. Samstag Er wächst jetzt auch in die Länge, die Gesichtszüge haben sich gestrafft. In 5 Stunden senkt sich der Wasserstand um ca. 2 cm. Muss aufpassen das es da oben nicht wieder eng wird. Sonntag
Den Arm in die Hüfte gestemmt reckt er den Kopf in die Luft, Denke er kann jetzt an Land atmen. Die juvenilen Wachstumsstörungen haben sich zum positiven entwickelt. Mit 8 cm haben wir hier einen stattlichen Jüngling herangezogen, so ganz ohne Wasser sieht er auch gleich etwas schlanker aus. Hatte mir den ganzen Prozess irgendwie schneller und spektakulärer vorgestellt. Und was jetzt tun, mit dem Prinz? Das ganze erinnert mich an ein Experiment aus der Kindheit. Wir waren noch klein und ohne wissenschaftliche Vorbildung, als von den Elter ein Gummibärchen ins Wasserglas auf die Fensterbank gestellt wurde. Li und ich beobachteten gespannt wie daraus bis zum Abend ein Riesenbär wuchs. Im Streit, wer von uns in den Genuss eines in dieser Größer noch nie gesehenen Gummibärchens kommen durfte gewann ich, und fühlte mich nach dem ersten Bissen betrogen. All das, was das Gute eines Gummibärchens ausmacht hatte sich zugunsten der Vergrößerung verflüchtigt, und einen wasserdurchsetzten Gelatinekörper zurückgelassen. Li war die eigentliche Gewinnerin.
In der Praktikumsanleitung stand geschrieben, dass wir heute die Leitungsgeschwindigkeit in Muskeln und Nerven untersuchen. Genauer gesagt, Muskeln und Nerven eines Krallenfrosches.
Die erste Möglichkeit zum Sezieren gab es für mich in der siebten Klasse: Realschul-Biologieunterricht. Es ging um Fische und Rebecca Carrobbio brachte ein paar groß gewachsene Goldfische aus dem familiären Gartenteich mit. Es gab drei Gruppen die sich je mit einem toten Fisch befassten. Ich saß bei der spontan gegründeten vierten Gruppe, die aus Büchern theoretische Hintergründe zu Fischorganen heraus suchten und zu einer Präsentation ausarbeiteten. Ab diesem Tag war ich für ca. 2 Jahre Vegetarier. Das ist Ewigkeiten her, ich habe mich weiterentwickelt, bin wissenschaftlich interessiert und glaube am liebsten nur das, was ich auch selber gesehen, herausgefunden und angefasst habe. Also habe ich meine Versuchsbeschreibung sorgfältig studiert, und mich zu manchen Punkten gefrat, wie das handwerklich wohl machbar ist. "Beim präparieren des Nerven, ist zu beachten, dass der Nerv nicht gezogen, berührt oder mit der Pinette angefaßt werden darf." Und Fest entschlossen, durch Erfahrungen zu wachsen, ging ich mit der Vorstellung ins Labor, das meine Hand heute ein Skalpell durch Froschhaut führen wird.
Auf dem Seitentisch steht eine Plastikkiste mit Deckel und Henkel, in der es ab und an rumpelt. Der Frosch. Noch sitzt er da und guckt in die Kiste. *jetzt werd nicht sentimental, du willst was über Muskeln und Nerven lernen, im Buch kann sich das jeder anlesen, heute wird an der Realität gelernt*. Doch es gibt nur eine Kiste, wir sind acht Leute, der Praktikumsleiter ist ein ehemaliger Herzchirurg (und Physiker, sowie Philosoph.....beachtliche Leistung) schnell kombiniert mein Verstand, das ich wohl nicht zwingend der Skallpellführer seien werde, und schon wird uns erklärt, dass der Professor die Präparation für uns vornimmt. Denn das gelingt beim ersten Versuch nur selten, und es ist schon später Abend, und uns interessiert heute ja eigentlich nicht das Zerlegen des Frosches, sondern lediglich seine Nerven und Muskeln die wie irgendwie in diesen Apparat bekommen müssen. Unsere einzige Aufgabe beseht im zusehen, zuhören, protokollieren und Werkzeuge anreichen. Etwas in mir ist ein klein wenig Enttäuscht, nachdem ich den ganzen Tag versucht habe mich emotional darauf einzustellen, das es etwas ganz normales ist für wissenschaftliche Zwecke den Plexus ischiadicus nahe der Wirbelsäule ab zu schneiden. Spätestens nach dem der Deckel der Kiste gehoben wird, merke ich aber den anderen größeren Teil viel deutlicher, der sich sträubt einem nichts ahnendem Tier mit einer viel zu kleinen Zange den Kopf....naja, vielleicht liest das ja jemand zum Frühstück.
Sobald Kopf und Haut entfernt waren (Zitat des Professors: „So jetzt ziehen wir dem Kerl mal die Leggings aus“) Sah das was dort auf dem Teller lag ähnlich aus wie Hünchenfleisch. Mit dem nötigen Abstand und der Verwandlung vom Frosch zum Objekt, ist auch die wissenschaftliche Neugierde wieder geweckt. Auf die Thunfischnudeln die ich zum Abendessen aufgewärmt habe hatte ich aber dann doch keinen Appetit mehr.